.

von Gott umgeben

Autor: caspar 20.01.2019

Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Psalm 90,1–2)


Den 90. Psalm oder Teile daraus hört man meist auf dem Friedhof, bei Beerdigungen. In Momenten also, die wir selten als schön bezeichnen würden. Entweder sind wir als Betroffene in Trauer oder betroffen, weil hilflos danebenstehend. Vergänglichkeit, Endlichkeit: kein Thema für den Smalltalk am Partytisch. Doch bei allem trüben Erinnern daran, dass wir sterben werden, sagt uns der Psalm in der Überschrift sinngemäß, dass wir in Gott einen sicheren Ort haben.

Nelly Sachs, die jüdische Dichterin, konnte 1940 Berlin verlassen und in Stockholm einen sicheren Ort finden. Über David und die Psalmen dichtete sie 1949 meisterlich: „Aber im Mannesjahr / maß er, ein Vater der Dichter, / in Verzweiflung / die Entfernung zu Gott aus, / und baute der Psalmen Nachtherbergen / für die
Wegwunden." Man wagt nach der poetischen Dichte dieser Formulierung kaum weiterzuschreiben.

Die am und auf dem Weg wund Gewordenen, das sind wir in den schweren, düsteren Momenten unseres Lebens, in den Nächten, die uns umgeben, und vielleicht auch in den Gedanken über den Tod, die uns im Alltag unangekündigt durchzucken. Inwiefern sind da die Psalmen, im Speziellen unser Vers, „Nachtherbergen"?

Weil hier der Gedanke der Zuflucht existenziell ausgeweitet wird. Gott ist nicht nur unsere Zuflucht, weil wir zu ihm kommen dürfen, wenn wir uns bedroht, einsam, ratlos oder schwermütig fühlen. Das stimmt alles. Aber hier wird noch größer gedacht. Für den Psalmisten ist seine Existenz, sein komplettes Dasein, eingebettet in Gott. Gott ist der sichere Ort. Also nicht nur dann, wenn es brennt, die Kugeln fliegen, der Druck steigt oder der Blutspiegel sinkt. Immer.

Im Verlauf des Psalms wird Mose (der Sprecher des Psalms) einige verstörende Gedanken und Gefühle über Gott äußern. Über Gottes Zorn, über das Leid, das er uns zufügt – echte Fragezeichen eines Wüstenwanderers, eines „Wegwunden". Aber alle diese Gedanken folgen auf die grundlegende Aussage: Gott ist der sichere Ort.

Ich habe keine Ahnung, wie der heutige Tag wird. Hoffentlich unbeschwert und sonnig. Aber einige von uns werden heute angestrengt nach oben schauen, Gott nur in der Entfernung wähnend, und brauchen die Erinnerung an diesen Gedanken wie eine sichere „Nachtherberge". (Dennis Meier)

 

© Advent-Verlag Lüneburg - mit freundlicher Genehmigung

Dieser Artikel wurde bereits 99 mal angesehen.

Powered by Papoo 2016
475265 Besucher