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22-05-01 Freude, das Geheimnis des Glücks

Autor: caspar 01.05.2022

Place Stanislas in Nancy

Freut euch mit den Fröhlichen! Weint aber auch mit den Trauernden! Römer 12,15 (Hoffnung für alle)

Dieser Aufruf stammt aus dem seelsorgerlichen Teil des Briefes, den der Apostel Paulus an die Christen in Rom geschrieben hat. Ich frage mich: Muss man gläubige Menschen zum Mittrauern oder Mitfreuen ermahnen? Darf man das überhaupt? Ist es nicht selbstverständlich, dass sich Christen mit anderen freuen oder am Geschick Trauernder Anteil nehmen? Rennt der Apostel hier nicht offene Türen ein? Aber so einfach, wie wir denken, ist das eben nicht. Chrysostomos, ein bedeutender Theologe der griechischen Kirche (gest. 407), hat einmal gesagt, es erfordere eine höhere christliche Gesinnung, sich mit den Fröhlichen zu freuen, als mit den Weinenden zu weinen. Das Weinen komme von selbst, denn niemand sei so hartgesotten, dass ihn das Unglück oder Elend eines anderen nicht betroffen mache. Sich mit anderen zu freuen erfordere dagegen eine edle Seele, denn das bedeute nicht nur, dass man dem anderen sein Glück nicht missgönne, sondern dass man sogar Genugtuung empfinde wegen des Ansehens, das er genieße. Im Prinzip kann man dem zustimmen, aber in der konkreten Situation ist es auch mit der Trauer nicht so einfach, wie es sich hier anhört. Wenn es so leicht wäre, würden wir auf schwere Krankheit und Schicksalsschläge anderer Menschen nicht so hilflos reagieren, weil wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Aber müssen wir denn immer gleich reden, Mut machen, Zusammenhänge erkennen oder auf das „Licht am Ende des Tunnels" hinweisen? Paulus meinte: Nein! Es reicht, wenn ihr mit dem Weinenden weint. Lasst ihn spüren, dass sein Unglück auch euch berührt. Das hilft ihm mehr als fromme Sprüche. Und wie ist es mit der Freude? Es ist wohl doch schwerer, jemandem ehrlichen Herzens zu seinem Erfolg zu gratulieren – zumal wenn dieser Erfolg für einen selbst eine Enttäuschung bedeutet –, als ihn zu bedauern, wenn ihm Leid widerfährt. Nur wer von sich selbst wegschaut, kann sich über den Erfolg des anderen freuen wie über eine eigene gute Leistung. Mir scheint, hier haben wir noch einiges zu lernen.

Günther Hampel

„Seine Freude in der Freude des anderen finden zu
können, das ist das Geheimnis des Glücks."
(Georges Bernanos)

© Advent-Verlag Lüneburg - mit freundlicher Genehmigung 

Bibellese:
Morgens: 1. Könige 16–18
Abends: Lukas 22,47–71

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